English at the bottom
Eigenzeit
Die Uhr lag auf dem Tisch. Sie war alt, vermutlich mehr als einhundert Jahre, denn sie hatte schon seinem Urgroßvater gehört.
Er nahm die Uhr vorsichtig in die Hand und öffnete den Deckel. Es war eine damals übliche Taschenuhr. Der Deckel war jedoch kaum verziert, und die Uhr war offensichtlich lange nicht gepflegt worden, denn sie wies deutliche Altersspuren auf.
Der Mechanismus funktionierte rein mechanisch, daher benötigte sie keine Batterien. Da er über all die Jahre unbeschädigt geblieben war, entschied er sich, die Uhr wieder in Gang zu setzen. Er drehte den Aufziehknopf mehrere Male. Leise Klickgeräusche bestätigten, dass der Mechanismus noch funktionierte.
Er setzte sich und betrachtete die Uhr genauer. Ein sanftes, kaum hörbares, aber regelmäßiges Ticken zeigte, dass sie arbeitete. Der Sekundenzeiger bewegte sich gleichmäßig voran, als wäre er der Motor des gesamten Uhrwerks. Nach sechzig langen Sekunden sprang der Minutenzeiger weiter und zeigte auf den nächsten Strich.
Alles schien im Takt zu sein. Er blieb noch eine Weile sitzen und beobachtete, wie sich auch der Stundenzeiger langsam in Bewegung setzte. Damit waren seine Zweifel beseitigt. Die Uhr funktionierte.
Gerade als er aufstehen wollte, bemerkte er, dass der Sekundenzeiger langsamer wurde. Das Ticken wurde schwächer und verlor sich beinahe ganz. Es schien, als müsse die Uhr bereits wieder aufgezogen werden. Er drehte erneut am Mechanismus, und sofort lief sie wieder einwandfrei. Zur Sicherheit blieb er noch einige Minuten sitzen.
Dann geschah es wieder, diesmal schneller als zuvor. Die Uhr blieb erneut stehen.
Er zog sie abermals auf, und sie begann von Neuem zu laufen.
Der Sekundenzeiger bewegte sich wieder elegant, doch plötzlich merkte er, dass etwas nicht stimmte. Diesmal war es kein Stillstand. Der Zeiger verharrte kurz, um dann zwei Sekunden auf einmal weiterzuspringen. Dieses Verhalten wiederholte sich unregelmäßig. Die einstige Präzision verwandelte sich langsam in ein unruhiges, unansehnliches Chaos.
Nach einigen Minuten fiel ihm auf, dass auch die Minutenzeiger nicht mehr gerade waren. Sie bogen sich leicht nach innen, als würden sie sich selbst folgen. Dadurch stimmte die angezeigte Zeit nicht mehr, und die gesamte Funktion der Uhr war merklich gestört.
Er schloss den Deckel und hielt inne. Diese Uhr verhielt sich auf eine seltsame Weise. Sie war kaputt, aber nicht so, wie man es erwarten würde.
Zögernd öffnete er den Deckel erneut. Vielleicht hatte er sich geirrt. Es war ein warmer Sommertag, und er hatte wenig getrunken.
Doch als er die Uhr wieder betrachtete, stockte ihm der Atem.
Die Uhr veränderte sich.
Die Zeiger bewegten sich nicht mehr geordnet, sondern schienen zu tanzen. Das gleichmäßige Ticken war einem chaotischen Klacken gewichen, das beinahe wie eine fremde Melodie wirkte. Die Ziffern lösten sich aus ihrer Ordnung und nahmen neue Formen an. Aus klaren, schlichten Zahlen wurden geschwungene, verspielte Ornamente. Auch die Zeiger veränderten sich, wurden weicher, eleganter, mit fein ausgearbeiteten Spitzen.
Doch funktionierte die Uhr nicht. Die Zeiger zitterten unkontrolliert. Es wirkte, als würde sein Blick dieses Chaos verstärken.
Plötzlich stieß er einen Schmerzenslaut aus und ließ die Uhr auf den Tisch fallen. Sie war heiß geworden, glühte beinahe, ohne jedoch zu schmelzen.
Ein greller Blitz durchzuckte den Raum und beendete das Schauspiel.
Stille.
Der Deckel der Uhr war nun golden und reich verziert. Efeublätter schmückten den Rand, und ein kalligraphisch gestaltetes K war in die Oberfläche eingearbeitet.
Sie nahm die Uhr in die Hand und öffnete sie.
Der Sekundenzeiger war nun vollkommen gerade und schien aus Weißgold zu bestehen. Er bewegte sich nicht mehr in Sprüngen, sondern glitt sanft und gleichmäßig weiter. Der Minutenzeiger hatte die Form einer Schlange und schimmerte in hellem Gold. Ein kleiner Diamant funkelte an seiner Spitze. Der Stundenzeiger fügte sich harmonisch in dieses Bild ein, ebenfalls aus Gold, weder streng noch überladen.
Sie betrachtete die Uhr aufmerksam.
Man erkannte noch immer, dass es dieselbe Uhr war. Und doch war sie verändert.
Sie funktionierte wieder.
Und sie war schöner als zuvor.
Sie ließ die Uhr in ihre Tasche gleiten und machte sich auf den Weg, um ein Glas Wasser zu trinken.
Inner Time
The watch lay on the table. It was old, probably more than a hundred years, as it had already belonged to his great grandfather.
He carefully picked it up and opened the lid. It was a pocket watch, common for its time. The lid, however, was scarcely decorated, and the watch had clearly not been maintained well, as it showed significant signs of age.
The mechanism was purely mechanical and therefore required no batteries. Since it had remained undamaged over all those years, he decided to bring it back to life. He turned the winding knob several times. Soft clicking sounds confirmed that the mechanism was still working.
He sat down and observed the watch more closely. A gentle ticking, barely audible yet steady and calming, indicated that it was running. The second hand moved forward evenly, as if it were the driving force of the entire mechanism. After sixty long seconds, the minute hand jumped forward to the next mark.
Everything seemed to be in sync. He remained seated for a while, watching as the hour hand slowly began to move as well. With that, all doubts were gone. The watch was working.
Just as he was about to leave, he noticed the second hand slowing down. The ticking grew faint, almost disappearing entirely. It seemed as though the watch already needed to be wound again. He turned the mechanism once more, and it immediately ran perfectly again. To be safe, he stayed for a few more minutes.
Then it happened again, this time faster than before. The watch stopped once more.
He wound it again, and it resumed its work.
The second hand moved elegantly once more, but suddenly he noticed something was wrong. This time it did not stop. Instead, the hand paused briefly, then jumped forward by two seconds at once. This behavior repeated irregularly. The former precision slowly turned into an uneasy and unsightly chaos.
After a few minutes, he also noticed that the minute hands were no longer straight. They bent slightly inward, as if following themselves. Naturally, the displayed time was now incorrect, and the entire function of the watch was noticeably impaired.
He closed the lid and paused. The watch was behaving in a strange way. It was broken, but not in any way he would have expected.
Hesitantly, he opened the lid again. Perhaps he had imagined it. It was a hot summer day, and he had not had much to drink.
But when he looked at the watch again, his breath caught.
The watch was changing.
The hands no longer moved in order but seemed to dance. The steady ticking had given way to a chaotic clattering that almost resembled a strange kind of music. The numbers dissolved from their positions and took on new forms. Clear, simple numerals became curved and ornate shapes. The hands transformed as well, becoming softer, more elegant, with finely crafted tips.
Yet the watch still did not function. The hands trembled uncontrollably. It seemed as though his gaze itself was feeding the chaos.
Suddenly, he let out a cry of pain and dropped the watch onto the table. It had grown hot, almost glowing, yet it did not appear to melt.
A blinding flash cut through the room and ended the spectacle.
Silence.
The lid of the watch was now golden and richly decorated. Ivy leaves adorned its edge, and a calligraphically crafted “K” was engraved into its surface.
She picked up the watch and opened it.
The second hand was now perfectly straight and appeared to be made of white gold. It no longer jumped from second to second but glided smoothly and continuously. The minute hand had the shape of a snake and shimmered in a light golden tone, adorned with a small diamond. The hour hand completed this harmony, also made of gold, neither rigid nor overly curved.
She watched the watch closely.
One could still tell that it was the same watch. And yet, it had changed.
It was working again.
And it was more beautiful than before.
She let the watch slip into her pocket and set off to get a glass of water.