Jessica hatte Geburtstag. Es war keine große Feier geplant. Ein schöner Abend mit ein paar Freundinnen in einer Bar: reden, etwas trinken, sich amüsieren, nichts Besonderes.
Patricia bereitete sich auf den Abend vor. Normalerweise brauchte sie nicht mehr viel Makeup, so wie früher, als die Entfernung der Gesichtshaare erst begonnen hatte. Mittlerweile war sie so weit, dass keinerlei Schatten mehr im Gesicht zu sehen war, und dafür war sie dankbar. Es bedeutete viel, denn sie war seitdem deutlich flexibler. Spontane Verabredungen oder das Empfangen des Paketboten erforderten keine Vorbereitung mehr.
An diesem Abend wollte sie sich jedoch besonders schön zurechtmachen. Das Outfit hatte sie bereits gewählt: Ein kurzes Abendkleid in elegantem Weinrot bildete einen perfekten Kontrast zu ihren aschblonden Haaren. Lippenstift und Nagellack waren darauf abgestimmt. Dazu ein dezentes, elegantes Makeup, das ihre Haut wie Porzellan wirken ließ, mit einem Hauch kühlen Rosas. Es war perfekt.
Patricia machte sich auf den Weg und erreichte mit leichter Verspätung die Bar. Einige Freundinnen waren bereits da und unterhielten sich angeregt mit Jessica. Sie kannte einige noch aus früheren Zeiten. Als sie Patricia bemerkten, winkten sie sie heran und begrüßten sie mit Umarmungen. Diese selbstverständliche Nähe war für Patricia noch immer nicht ganz selbstverständlich, aber sie fühlte sich jedes Mal wunderschön an. Man fühlte sich willkommen, angekommen.
Nach einiger Zeit bemerkte Patricia, wie ein Mann sie immer wieder ansah. Er schien jedes Mal ein neues Glas zu haben und stach aus der Menge heraus, allerdings nicht im positiven Sinne. Etwas an ihm wirkte unangenehm. Sie konnte nicht genau sagen, was es war, aber ihr Körper reagierte darauf. Jedes Mal, wenn sich ihre Blicke trafen, lief ihr ein Schauer über den Rücken.
Schließlich kam er auf ihren Tisch zu. Seine Annäherung war eher ein Stolpern als ein Gehen. Mit Mühe hielt er sich auf den Beinen. Er sah Patricia direkt an und erklärte, sie sei so schön wie ein Engel und er müsse unbedingt ihre Nummer haben.
Patricia konnte ihren Ekel kaum verbergen und versuchte höflich, aber bestimmt klarzumachen, dass sie kein Interesse hatte. Sie hatte gelernt, dass es besser war, einen konkreten Grund zu nennen, da solche Gespräche sonst kein Ende fanden. Auf ihre Ausrede, sie habe einen Freund, reagierte der Mann enttäuscht. Sein Blick ließ sie erneut erschaudern. Darin lag etwas Dunkles, etwas Wütendes. Sie hatte das Gefühl, er habe ihren Bluff durchschaut. Schließlich ging er zurück an seinen Tisch, starrte sie jedoch weiterhin aus der Ferne an.
Der Vorfall geriet bald in den Hintergrund, denn die Gruppe hatte viel Spaß. Es wurde kurz darüber gesprochen, dass so etwas leider normal sei und man sich davon nicht den Abend verderben lassen sollte.
Gegen ein Uhr nachts verließ die Gruppe die Bar. Patricia und Emilia, eine Freundin von Jessica, gingen gemeinsam nach Hause, da sich ihre Wege größtenteils überschnitten. An einer Kreuzung verabschiedeten sie sich. Patricias Wohnung lag nur noch wenige Häuser die Straße hinunter, während Emilia in eine Seitenstraße abbog. Das Viertel war ruhig und bürgerlich. Seit Minuten war ihnen niemand begegnet, was hier nicht ungewöhnlich war.
Patricia ging weiter. Plötzlich hörte sie ein Geräusch. Sie konnte es nicht einordnen. Vielleicht ein Vogel, vielleicht der Wind. Dennoch stieg ein Gefühl der Unruhe in ihr auf. Unbewusst beschleunigte sie ihre Schritte. Das Klacken ihrer Absätze durchbrach die Stille. Wieder ein Geräusch, diesmal metallisch, vielleicht ein Schleifen. Sie drehte sich um, während sie fast lief, doch sie sah nichts.
Endlich erreichte sie ihre Haustür. Den Schlüssel hatte sie bereits in der Hand. Schnell schloss sie auf. Als sie sich noch einmal umdrehte, sah sie im Augenwinkel ein großes Stück Karton. Der Wind bewegte es, ließ es über den Boden schleifen und gelegentlich gegen ein Auto schlagen.
Erleichtert ließ sie die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Sie schaltete das Licht im Hausflur ein und ging in den dritten Stock. Sie war noch etwas hungrig und überlegte, sich ein Schwarzbrot zu toasten und ein paar Weintrauben zu essen. Dazu ein Glas Wasser und eine Aspirin gegen den nächsten Morgen. Sie öffnete ihre Wohnungstür, schloss sie ab und hing den Schlüssel an das Brett.
Atemnot. Kälte.
Sie blickte nach unten. Aus ihrem Brustkorb ragte ein Messer. Auf dem Boden hatte sich bereits eine Blutlache gebildet, die sich langsam vergrößerte. Sie versuchte zu begreifen, was geschehen war, doch ihr Bewusstsein entglitt ihr. Sie wachte nie wieder auf.
Thomas K wurde in den Gerichtssaal geführt. Die Staatsanwaltschaft verlas das Abschlussplädoyer. Hausfriedensbruch in Tateinheit mit Mord. Die Tat sei grausam, mildernde Umstände seien nicht erkennbar. Weiter führte sie aus, dass der Angeklagte den Personalausweis der Geschädigten am Abend aufgefunden habe. Unter Kenntnis ihrer Identität habe er sich Zutritt zu ihrer Wohnung verschafft, indem er die Tür mit einer Karte öffnete. Anschließend habe er in der Wohnung auf die Rückkehr der Geschädigten gewartet.
Der Verteidiger erhielt das Wort. Er beschrieb seinen Mandanten als alkoholisiert und gedemütigt, nicht Herr seiner Lage. Die Handlung sei spontan erfolgt. Keine volle Schuldfähigkeit. Sein Antrag lautete Totschlag. Thomas K sei geständig, daher solle Milde walten.
Nach langer Beratung betrat der Richter den Saal. Alle erhoben sich.
„Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil:“
Totschlag. Mildernde Umstände. Eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, ausgesetzt zur Bewährung.
Die Worte hallten durch den Raum, nüchtern und beinahe beiläufig.
Der Richter blickte nicht auf.
„Die Verhandlung ist geschlossen.“
Ein Stuhl im Zuschauerraum knarrte leise. Dann Stille.
Niemand hatte etwas zu sagen.
Niemand stellte Fragen.
Niemand widersprach.
Der nächste Fall wurde aufgerufen.