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Zwei Schiffe, keine Route

Two Ships, No Route

Der Nebel über dem Atlantik war so dicht, dass die eigene Hand vor den Augen im Grauschleier verschwamm.

Jonas stand am Steuerrad der kleinen, hölzernen Ketch und lauschte in die Stille. Er war jung, kaum zwanzig, als er ausgelaufen war – angetrieben von einer diffusen, lähmenden Angst vor dem endlosen, leeren Horizont. Allein auf diesem riesigen Ozean zu treiben, schien ihm unerträglich.

Und dann tauchte sie aus dem Dunst auf. Eine zweite Silhouette. Ein Schiff, ähnlich orientierungslos wie seines, geführt von Mara.

Sie sprachen nicht viel über ihre Ziele oder woher sie kamen. Da war nur dieses unmittelbare, dringliche Bedürfnis, der Dunkelheit nicht isoliert gegenüberzustehen. Mit feuchten, zitternden Händen warfen sie Tauwerk hinüber, verknüpften die Masten, vertäuten Bug an Bug und Heck an Heck. Ein massiver, starrer Knoten aus Hanf und Stahl. Sie redeten sich ein, dass dies Sicherheit war. Dass man, wenn man sich nur fest genug aneinanderband, jeden Sturm überstehen würde.

Anderthalb Jahre dauerte das ständige Justieren, das Verhandeln über die Seile, bis sie glaubten, die Konstruktion würde ewig halten. Zwölf Jahre lang trieben die beiden Schiffe so Seite an Seite durch die ruhigen und die stürmischen Zonen des Meeres.

Doch die Verbindung war nie ein harmonisches Wiegen.

Jedes Mal, wenn eine Welle unter den Rümpfen durchrollte, ächzte das Holz. Die beiden Schiffe rieben aneinander, Planken splitterten, das Eisen der Beschläge kreischte im Wind. Mara wollte nach Norden, dorthin, wo die Winde steif und die See rau war; Jonas zog es unwillkürlich in die stillen, tiefen Gewässer des Südens, auch wenn er sich damals selbst noch nicht getraut hatte, den Kompass richtig abzulesen.

Sie hatten keine gemeinsame Route. Wenn sie abends an den Relingen standen und hinüberblickten, gab es keine Worte über die Schönheit der Sterne. Meist herrschte nur das Reiben des Holzes, unterbrochen von lautem Streit, wenn die Spannung auf den Tauen wieder einmal zu groß wurde. Oft stand Jonas am Bug und rief gegen den Wind an, bat um ein Signal, eine Laterne, die ihm zeigte, dass drüben jemand war, der ihn wirklich sah. Manchmal wurde drüben eine Funkelrute entzündet – halbherzig, ein kurzes, müdes Aufflackern im Nebel, das erlosch, bevor die Wärme ihn erreichen konnte.

Mehrmals standen sie mit den Kappendecksmessern an den Tauen, bereit, die Verbindung zu durchtrennen. Doch dann blickten beide wieder hinaus in die schwarze, unendliche See, und die Angst vor dem Alleinsein drängte die Messer zurück in die Scheiden. Sie blieben. Nicht aus Liebe zur Reise, sondern aus Furcht vor dem Ozean.

Erst als zwei kleine Beiboote an ihren Seiten festgemacht wurden und das Leben an Bord noch hektischer, noch lauter wurde, begann der Nebel sich ganz langsam zu lichten.

Jonas blickte an einem sonnenlosen, aber klaren Morgen auf den Kompass in seiner Kajüte. Er hatte jahrelang nicht hineingesehen. Und als er es tat, verstand er plötzlich die Schmerzen der vergangenen Jahre.

Er sah hinüber zu Maras Schiff. Sie waren keine Feinde. Sie waren nie Feinde gewesen. Sie waren nur zwei Kinder gewesen, die mitten auf dem Meer von der Dunkelheit überrascht worden waren und im Schrecken nach der nächstbesten Hand gegriffen hatten. Sie passten nicht zusammen. Ihre Rümpfe hatten nie dieselbe Sprache gesprochen, ihre Segel nie denselben Wind gefangen.

Mit ruhigen Händen trat Jonas an die Reling. Er nahm das Messer. Diesmal gab es kein Geschrei, keine Wut, nur eine tief sitzende, traurige Klarheit.

Als die dicken Hanftaue nacheinander nachgaben und mit einem hohlen Klatschen ins Wasser fielen, ruckten beide Schiffe kurz auf.

Der Abstand vergrößerte sich langsam. Zentimeter für Zentimeter driften die Rümpfe auseinander. Das ständige, schmerzhafte Reiben der Planken hörte auf. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren war da Stille.

Jonas sah zu, wie Maras Schiff langsam in eine eigene Richtung drehte. Es gab kein Winken, aber auch keinen Groll mehr. Nur das späte Begreifen zweier Reisender, die sich gegenseitig vor dem Ertrinken gerettet hatten – und doch nie für dieselbe Reise bestimmt gewesen waren.

Jonas legte die Hand ans Steuerrad. Der Kurs vor ihm war ungewiss, die See riesig. Aber als er den Blick nach vorne richtete, war da keine Angst mehr vor dem Horizont. Nur der erste, freie Atemzug seit einer sehr langen Zeit.

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