Triggerwarnung: Diese Kurzgeschichte thematisiert Suizid und psychische Krisen. Sie enthält biografische Elemente, bildet aber nicht mein eigenes Erleben ab.
Statistiken sind faszinierende Werkzeuge, mit denen man komplexe Phänomene und Trends ausdrücken kann. Sie können Entwicklungen, Eigenheiten und Zusammenhänge darstellen. Leider werden sie häufig fehlinterpretiert, nicht umsonst existiert das Sprichwort: "Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast." Tatsächlich sind Statistiken besser als ihr Ruf, nur leider verstehen nur wenige Menschen, sie korrekt zu lesen und zu interpretieren.
Auch haben Statistiken keinerlei Aussagekraft über einen individuellen Fall. Individueller Fall. Das klingt sehr klinisch und isoliert. Dabei geht es dabei um dich, um mich, um deine Eltern, deine Freunde, deine Kinder. Alles individuelle Fälle. Statistiken sagen nicht die Zukunft dieser Personen voraus, sie formulieren lediglich Wahrscheinlichkeiten, die, würde man ein Experiment häufig wiederholen, wahrscheinlich eintreten würden. Dennoch kann ein Embryo an Krebs erkranken. Man kann in der Lotto-Zentrale seinen Millionengewinn abholen und auf der Fahrt nach Hause tödlich verunglücken, weil sich im exakt falschen Moment die Unachtsamkeit eines entgegenkommenden Fahrers mit einer Ölspur auf dem Asphalt kreuzt.
Alles recht unwahrscheinlich, aber im Einzelfall absolut möglich.
Mein Leben verlief in weiten Teilen als das, was man als normal bezeichnen würde. In der Kindheit fühlte ich mich oft ein wenig fehl am Platz. Ich konnte nicht genau erklären, warum, aber das allgemeine Verhalten der Jungs in meiner Klasse oder in meinem Alter konnte ich oft maximal als primitiv beschreiben.
Untersuchungen zum kindlichen Sozialverhalten zeigen, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Jungen im Grundschulalter kaum oder gar kein Interesse an körperbetonten Rangeleien oder Kräftemessen zeigen. Eine Minderheit, aber keine Randerscheinung. Genug, um sich nicht völlig allein zu fühlen, und zu wenig, um sich zugehörig zu fühlen.
Ich hatte weder die Absicht, mich in Prügeleien verwickeln zu lassen, noch anderen Aktivitäten nachzugehen, die meist irgendeine Form von Kräftemessen mit sich brachten. Allerdings habe ich das nicht groß hinterfragt, es gab einige andere Kinder, die sich ähnlich wie ich mehr geistigen Herausforderungen widmeten, und so kam es, dass ich letztendlich auf einem naturwissenschaftlich spezialisierten Gymnasium gelandet bin.
Nur ein kleiner Teil eines Jahrgangs, schätzungsweise 4 bis 6 Prozent, wechselt auf eine Schule mit ausgewiesenem naturwissenschaftlichem Schwerpunkt. Wer dort landet, hat meist schon vorher gelernt, dass Rückzug in Inhalte eine Form von Zugehörigkeit sein kann, die soziale Nähe nicht ersetzen, aber überbrücken kann.
Obwohl sich hier das Niveau deutlich anhob, änderte sich das Gefühl, nicht dazuzugehören, nur unwesentlich. Ich hatte allerdings mittlerweile eine Methode gefunden, um mich von diesem Gefühl abzulenken. Ich entdeckte Leidenschaften und steigerte mich förmlich in diese rein. Von außen betrachtet wurde mir ein reges Interesse an meinen Hobbys bescheinigt, und das stimmte auch. Mich in Computer oder Programmieren einzulesen, zu einer Zeit, in der das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, war sehr anspruchsvoll und interessant. Letztendlich führte mich das nach dem Abitur zur Universität, an der ich dieses Eintauchen in nischenhafte Bereiche deutlich mehr vertiefen konnte.
Kinder, die in den 1990er Jahren früh und intensiv Zugang zu Computern fanden, gehörten statistisch zu einer kleinen Gruppe: Weniger als ein Zehntel der Haushalte verfügte zu dieser Zeit über einen eigenen Internetanschluss. Wer sich in dieser Nische verlor, verlor sich oft auch ein Stück weit aus dem, was um ihn herum als normal galt.
Statistisch gesehen war das wohl ein recht typisches Leben. Dieses ungewöhnliche Gefühl konnte einwandfrei betäubt werden, und alles andere, was anders war, konnte mehr oder weniger mit dem Ausbrechen aus typischen Rollenbildern "erklärt" werden. "Du bist zu sensibel, du bist zu kompliziert, du bist kein richtiger Mann, viel zu emotional. Du bist zu klein, deine Stimme ist nicht männlich." Alles Aussagen, die über die Zeit über mich gefällt wurden, und ich habe erst hart versucht, dagegen anzukämpfen, was sich allerdings immer sofort falsch angefühlt hat. Erst als ich eigene Kinder hatte und darin eine Ausrede fand, meine emotionale Seite voll und ganz auszuleben, wurde mir klar, dass es nun einmal ein Teil meiner Persönlichkeit ist, auch wenn sie schon sehr ausgeprägt war.
Erst nach meiner Ausbildung, als meine Kinder zur Welt gekommen waren und sich der Alltag eingeschlichen hatte, wurde das Gefühl wieder lauter. Immer lauter. Mir war klar, dass es nicht mehr als normal einzustufen war, sondern außerhalb des von Median und Standardabweichung vorgeschriebenen Normintervalls lag.
Das Ablenken und Eintauchen in spezialisierte Themen war nun deutlich schwieriger. Es war nicht immer möglich, das Gefühl vollständig und langfristig zu betäuben.
Es ist erstaunlich, wie lange Menschen funktionieren können.
Aufstehen.
Arbeiten.
Kinder.
Familienzeit.
Lächeln.
Schlafen.
Repeat.
Dann der große Bruch. Alle Sicherheiten brechen gleichzeitig weg, und vor mir liegt nur ein undurchdringlich wirkender Wald aus Problemen. Erst in diesem Moment wird mir bewusst, wie abgeschirmt mein bisheriges Leben eigentlich gewesen war. Es war wie ein eingezäuntes Stück Land. Nicht besonders groß, die Grenzen immer sichtbar, aber innerhalb dieses Zauns war alles geordnet. Die Wege waren bekannt. Es gab Regeln, Routinen und Erwartungen. Ich musste mich nie fragen, wohin ich gehen sollte, weil es ohnehin nur wenige Möglichkeiten gab. Heute würde ich sagen: Es war kein Gefängnis, aber auch keine Freiheit. Es war ein Ort, an dem man sicher leben konnte, solange man nicht bemerkte, dass der Horizont aus einem Zaun bestand.
Und plötzlich war dieser Zaun verschwunden.
Vor mir lag keine Straße, sondern dichter Wald. Kein Schild zeigte die Richtung, kein Weg war bereits ausgetreten. Hinter jedem Baum konnte etwas Schönes warten oder etwas, das mich endgültig zu Fall brachte. Zum ersten Mal konnte ich überallhin gehen. Zum ersten Mal musste ich aber auch jede Entscheidung selbst treffen. Freiheit fühlte sich nicht an wie Leichtigkeit. Sie fühlte sich an wie Orientierungslosigkeit.
Manchmal fragte ich mich, ob ich den Zaun vermisste. Nicht weil er gut gewesen wäre, sondern weil man sich an Begrenzungen gewöhnen kann. Selbst dann, wenn sie einen klein halten. Im Wald gab es keinen Schutz mehr. Aber zum ersten Mal bestand wenigstens die Möglichkeit, irgendwo einen Ort zu finden, an dem ich wirklich hingehörte.
Und während ich noch versuchte zu verstehen, in welche Richtung ich überhaupt gehen sollte, lief der Alltag einfach weiter.
Aufstehen.
Arbeiten.
Weinen.
Schlafen.
Es ist erstaunlich, wie wir auch in menschenfeindlichen emotionalen Umgebungen funktionieren können. Es ist erstaunlich, wie sich das menschliche Gehirn an vieles gewöhnen kann, aber gleichzeitig enorme Schwierigkeiten hat, sich anderer Dinge zu entwöhnen. Es ist erstaunlich, wie sehr man sich selbst betrügen kann.
Irgendwann bemerkte ich selbst, dass ich nicht mehr darüber nachdachte, wie ich leben wollte.
Sondern nur noch, wie lange ich das alles noch schaffen würde.
An diesem Abend war es ungewöhnlich still.
Keine Gedanken.
Keine letzten Worte.
Nur die Müdigkeit eines Menschen, der sehr lange versucht hatte, den richtigen Platz im eigenen Leben zu finden.
Statistik: Ein erheblicher Teil trans Menschen erlebt im Laufe des Lebens Suizidgedanken. Viele unternehmen mindestens einen Suizidversuch.
Gestern Abend bin ich Teil der Statistik geworden.
Stille.