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Odyssee

Odyseey

Die furchteinflößendsten Dinge, die geschehen, sind nicht die plötzlichen Ereignisse. Nicht der Schicksalsschlag, der den Alltag ins Wanken bringt wie eine Boje, die kurz aus dem Gleichgewicht gerissen wird und sich wieder aufrichtet. Nein, es sind die Dinge, die sich langsam einschleichen, die den Charakter vergiften, ohne dass man merkt, dass man längst an Bord ist.

Dysphorie ist so ein schleichendes Gift. Man lebt sein Leben und ahnt nur, dass irgendetwas nicht stimmt. Doch ohne Erfahrung fehlen einem die Worte dafür. Der Fluss des Alltags hatte mich längst erfasst, und die Gedanken verweilten nie lange genug, um der Sache auf den Grund zu gehen. Das Leben verlangt, weiterzumachen, nicht nachzudenken.

Das Gift hat einen langen Atem. Irgendwann wurde der Schmerz so unerträglich, dass ich den Anker auswarf und begann, nachzuforschen. Das vermeintliche Gegengift: die Transition. Je mehr ich darüber erfuhr, desto verlockender wurden die Versprechen – eine Welt voller Freude, auch voller Schwierigkeiten, aber echt. Das bisherige Leben nur ein Schein, hieß es, und dahinter warte die eigentliche Wirklichkeit.

Für einen Moment glaubte ich zu verstehen, was gemeint war. Echtheit. Zufriedenheit. Einklang. Es war nicht gelogen – aber es hielt nicht lange an. Ein Gefängnis, nur in größerer Dimension. Die Euphorie verblasste, und die Realität traf mich unvorbereitet. Eben noch berauscht von der scheinbaren Erfüllung, dann der Einschlag: mitten ins Herz.

Ich frage mich im Nachhinein, warum ich nicht genauer hingesehen habe, warum ich mich so bereitwillig habe mitreißen lassen.

Für mich hat sich das Versprechen nicht erfüllt. Vielleicht hätte eine nüchternere Abwägung geholfen – jetzt ist es zu spät dafür. Nicht zu spät, um überhaupt etwas zu ändern, aber zu spät, um das zurückzubekommen, was ich verloren habe.

Wer schon mittendrin steckt und nur noch die letzten Prozent sucht: Sei gewarnt. Es ist eine Büchse der Pandora. Bevor man das Wagnis eingeht, braucht es eine ehrliche, genaue Prüfung – ehrlicher, als ich sie mir gegönnt habe.

Lauft nicht blind in diese Falle, so wie ich es tat. Gefangen in der Realität: keine Selbstliebe, keine Zufriedenheit, keine Liebe, keine Zärtlichkeit. Nie wieder. Ein hoher Preis dafür, sagen zu können: Ich habe mich gefunden.

Zu spät.

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