Der Sinn des Lebens. Keine Ahnung, was das sein soll. Ich denke, es hängt von der Person ab, soll heißen: Der Sinn des Lebens ist für jeden etwas anderes. Ich will nicht darüber philosophieren, was eventuell der allgemeingültige Fall sein könnte oder was der kleinste gemeinsame Nenner ist, auf den wir uns alle einigen können – denn das ist meiner Meinung nach „glücklich sein". Aber das ist auch so ungenau, dass man sich diese Einschätzung eigentlich sparen kann.
Daher kann ich nur über meine eigene Interpretation vom Sinn des Lebens berichten. Ich möchte das Ganze auch mit anderen Worten umschreiben. Zum einen, weil der „Sinn des Lebens" eine stark abgedroschene Phrase ist, zum anderen, weil es einfach so nicht zutreffend ist. Vielleicht passt es besser zu sagen, dass jede Person ihren eigenen Weg zur Zufriedenheit, zum Glück finden muss. Eine Art einzigartiges Rezept. Um das zu erreichen, muss man ein ziemlich undurchdringliches Labyrinth durchqueren. Das Labyrinth ist aber für jeden Menschen unterschiedlich. Vielleicht finden wir am Ende Glück oder Zufriedenheit, vielleicht gibt es kein Ende, vielleicht gehen manche auf der Suche zugrunde, und das Ganze ist eine klassische „der Weg ist das Ziel"-Situation.
Ich weiß es nicht, aber ich gehe mal vereinfachend davon aus, dass das Labyrinth durchquert werden kann und dass am Ende die ganze Sache erträglicher, wenn nicht sogar schöner und glücklicher ist als vorher. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass das Labyrinth nicht bei der Geburt feststeht. Es wird vielmehr geformt durch unser Leben, natürlich auch stark durch unsere Kindheit und unsere Eltern. Es ist ja mehrfach nachgewiesen, dass die Kindheit einen ganz enormen Einfluss auf uns hat, und da wundert es mich auch nicht, dass sie im Prinzip den ganzen Bauplan dieses Labyrinths vorgibt.
Also springen wir zu meiner Kindheit. Es fällt mir äußerst schwer, diese aus jetziger Sicht neutral zu bewerten. Hatte ich eine schlimme Kindheit? Nein. Hatte ich eine tolle Kindheit? Ich dachte ja, aber ich denke, mit meiner Lebenserfahrung kann ich sagen, dass es eine normale bis durchschnittliche Kindheit war. Es geht auch nicht so sehr darum, ob alles toll war oder nicht, sondern es geht um die Details. Was ist passiert, und was hat Einfluss auf mich genommen?
Meine Eltern haben sich getrennt, als ich neun war, und ja, das soll jetzt nicht eine von diesen Geschichten sein. Aber Tatsache ist, dass es nun mal einen nicht unwesentlichen Einfluss auf mich genommen hat. Das Schlimme ist eigentlich, dass ich das erst vor ein paar Jahren voll durchdrungen habe, also so mit 35. Denn objektiv gesehen war die Trennung nicht so schlimm, aber unterschwellig hat sie doch einigen Schaden angerichtet.
Meine Mutter hat sich nach der Trennung emotional stark verändert. Sie war alleinerziehend, und insbesondere die Zeit der Pubertät hat uns wohl für immer auseinandergetrieben. Ich will nicht ins Detail gehen, weil das wohl auch nicht bedeutend ist, aber man kann zusammenfassend sagen, dass sie emotional kein Vorbild war. Gefühle auszuleben war nicht ihr großes Ding. Meinen Vater habe ich nur alle zwei Wochenenden gesehen, und er war nachvollziehbarerweise darum bemüht, die Zeit optimal zu nutzen. Aber auch er war emotional kein Vorbild, und so hatte ich durchaus Schwierigkeiten, meine Emotionen mit jemandem zu teilen. Im Endeffekt habe ich es nicht getan und sie bis zu einem gewissen Punkt unterdrückt.
Geholfen hat mir dabei die Ablenkung, und da kam mir stark zugute, dass ich die Fähigkeit besitze, mich in komplexe Themen oder Hobbys derart zu vertiefen, dass ich wochen- oder monatelang beschäftigt bin und meine Emotionen überhaupt nicht mehr spüre. Das war offensichtlich auch meinem Umfeld klar, denn ich kann mich noch erinnern, wie in der Abiturzeitung so etwas Ähnliches formuliert worden war. Leider habe ich die nicht mehr vorliegen, sonst würde ich zitieren.
Ein anderer ganz wesentlicher Punkt, der zum Labyrinth beitrug, war, dass ich stets ein größeres Ziel vor Augen hatte. Als Jugendliche war es das Ziel des Schulabschlusses. Meine Mutter wurde nicht müde, davon zu berichten, dass sie eine Überfliegerin war und in ihrer Schulzeit quasi eine 1,0 hatte. Dadurch bedingt war alles, was sich nicht in diesem Leistungsspektrum abspielte, zwar keine Katastrophe für sie, aber mit Stolz erfüllte es sie wohl auch nicht. Das war nie ganz klar, denn wie schon erwähnt, war sie nicht besonders gut darin, Emotionen zu zeigen oder zu kommunizieren. Das führte dazu, dass ich nie genau wusste, ob sie überhaupt zufrieden mit mir ist.
Nach dem Abitur hatte ich meine erste richtige, lange Beziehung. Ein weiterer wichtiger Baustein für mein Labyrinth: Emotionen. Emotionale Offenheit. Ich durfte endlich Emotionen zeigen und fühlen, ohne dafür verurteilt zu werden, ohne Rechtfertigung ablegen zu müssen, und ich wurde gehört und verstanden. Das war eine intensive Erfahrung, und es fühlte sich wie Freiheit an. Es war schön, einfach zu fühlen, darüber reden zu können und akzeptiert zu werden, ohne dass es irgendwelche Anforderungen gab.
Der Abschluss des Studiums war dann der nächste große Meilenstein, der anstand. Auch hier gab es wieder eine freundliche Motivation meiner Mutter, die mir stets klarmachte, dass nur ein Studium in Regelstudienzeit akzeptabel wäre, denn sonst wäre „der Geldhahn" zugedreht worden. Es gab durchaus Momente, in denen mich diese Vorstellung sehr gestresst hat, und einige wilde Phasen wären fast eskaliert, nur weil ich diesen permanenten Druck im Hinterkopf hatte. Ich will nicht sagen, dass meine Studienzeit schlimm war, aber ich war auch so motiviert – immerhin studierte ich meine Leidenschaft und hätte auch ohne diesen Druck meinen Abschluss geschafft.
Das erste Mal, dass ich gemerkt habe, dass mein Labyrinth nicht gesund sein kann, war nach dem Studienabschluss. Das größte Ziel war vom Tisch. Ich hatte eine Ausbildung, ein Studium abgeschlossen. Ich würde nicht auf der Straße landen und würde mich selbst versorgen können. Es war eine Erleichterung – für vielleicht ein paar Tage. Danach wurde mir bewusst, dass ich seit meiner Jugendzeit einem Ziel hinterhergerannt war, das nun sein Ende gefunden hatte. Da bemerkte ich schon, dass ich stark abhängig war von diesem Gefühl des Sinns, des Zwecks. Was ist das nächste Ziel? Warum weitermachen, wofür? Wie lebt man eigentlich ohne Ziel? Was ist er denn nun, der Sinn beziehungsweise der Zweck des Lebens? Sind wir in einem Videospiel? Habe ich jetzt die Hauptstoryline beendet, und der einzige Sinn ist es, sich durch alle Nebenquests zu kämpfen? Dreißig Kräuter für den Alchimisten sammeln? Zwei Projekte für den Chef fertigstellen, damit er seine Leistungsziele erreicht?
Aber da war noch etwas: Kinder und die Ehe. Die nächsten gesellschaftlichen Aufgaben warteten, die Hauptstory war noch nicht vorbei. Wir können das Ganze relativ gut abkürzen, denn ihr könnt euch denken, was passiert ist, nachdem Hochzeit gehalten wurde und die Kinder aus dem Gröbsten raus waren: Das Gefühl kam wieder. Was ist das Ziel? Was tue ich hier eigentlich auf Gottes grüner Erde? Der Blick in die Vergangenheit war nicht hilfreich. Von meinen Eltern konnte ich nicht wirklich lernen, und ich selbst hatte mich nur über Wasser gehalten, indem ich mir immer das nächste Ziel gesteckt habe. Eine Weile lang habe ich versucht, berufliche Ziele als Ersatzdroge für diese Sinnerfüllung zu nehmen, aber das war kaum wirksam. Gegen Kinder und Abschluss konnten eine Beförderung und ein paar Geldscheine mehr pro Monat nicht ankommen, es fühlte sich von Anfang an nicht richtig an.
Der andere große Baustein meines Labyrinths hatte auch jahrelang dauerhaft Spuren hinterlassen. Ich war nie allein. Nie. Aus dem Elternhaus ausgezogen, sofort mit meiner Ex-Partnerin zusammengezogen und viele Jahre jeden Tag zusammen verbracht. Ich war abhängig. Über 18 Jahre abhängig. Und wie Kinder durch Sozialisierung in den ersten Jahren ihres Lebens geprägt werden, so wurde ich 18 Jahre meines erwachsenen Lebens geprägt von dauerhafter Gesellschaft.
Der Knall kam heftig und plötzlich. Ich sagte es ja gerade: Abhängigkeit. Wenn alles zerbricht, wie macht man weiter? Die Hauptquest ist zu Ende. Keine Ziele in Reichweite, die es sich lohnt anzugehen. Auf Entzug. Allein.
Der handelsübliche Tipp lautet: Schaffe es, mit dir selbst als bestem Freund glücklich zu sein, denn du bist immer da und kannst dich nie enttäuschen. Was für ein Bullshit. Ich selbst enttäusche mich andauernd. Ich glaube, solche Ratschläge können nur von Leuten kommen, die selbst nie lange und tiefe Beziehungen geführt haben. Man ist über Jahre abhängig. Es gibt in einer solchen Beziehung keine tiefgreifenden Probleme, man ist gegenseitig füreinander da, sorgt sich um den anderen, egal was passiert, man kann immer Unterstützung erwarten. Immer gibt es versöhnliche oder tröstende Worte, Umarmungen, körperliche Nähe. Alles stark schmerzlindernd, und so entsteht ein Sicherheitsnetz, eine Grundlage, die verhindert, dass es überhaupt zu großen Erschütterungen kommen kann.
Natürlich merkt man das auch, aber es ist schwierig, sich da herauszubewegen. Es ist tatsächlich wie Drogenkonsum, berauschend und schön – wer will sich da freiwillig einschränken? Ich wollte es nicht.
Nun ist alles vorbei. Der kalte Entzug ist die Hölle, und ich sehe kein Licht am Horizont. Die Abhängigkeit hat mich so stark geprägt, dass es mir unmöglich erscheint, irgendetwas anderes zu finden, was mir ähnliche Gefühle bereitet. Leute, die auch lange und erfüllende Beziehungen hatten, werden mich verstehen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr will ich mich festlegen, dass die Liebe eine Droge ist. Sie ist schön und macht abhängig. Wenn man Glück hat, stirbt man damit oder daran und erfährt nie wieder Kummer. Wenn man Pech hat, verbringt man den Rest seines Lebens damit, nach genau diesem Glück von damals zu suchen. Wie ein Drogensüchtiger, der alle seine Würde abgelegt hat und sich für nichts zu schade ist, um noch einmal den Kick von früher zu erleben. Aber es gibt ihn nicht, nichts wird wie früher, und alle Versuche, wenn sie überhaupt zustande kommen, sind jämmerlich.
Meine Abhängigkeit ist ein Teil meines Labyrinths, der andere ist das fehlende Ziel. Nichts zu tun. Wo ist der Sinn? Hobbys, neue soziale Kontakte – alles nur Ablenkung. Man redet sich ein, man sei auch erfüllt, wenn man allein ist, aber das ist Unsinn. Es ist ein Selbstbetrug, der für einige gut funktioniert, aber am Ende des Lebens, wenn man eine ernüchternde Abrechnung macht, was zählt dann schon? Tja, was? Vielleicht sind einige zufrieden damit, dass sie sagen, sie hätten viel erlebt. Ihre Bucket List abgearbeitet oder was auch immer. Das ist für mich kein Sinn. Wer einmal tief geliebt hat und – warum auch immer – enttäuscht wurde, wird diesem Gefühl sein Leben lang hinterherlaufen. Wenn ihr Glück habt, findet ihr etwas Vergleichbares, aber das ist eben genau das: Glück.
Auf Glück kann ich nicht hoffen. Die Geschichte hat kein Happy End, ich kenne ihn nicht, den Grund. Ich kann mich nicht selbst betrügen. Ich weiß, was das beste Gefühl im Leben war: Familie, Liebe, Verbundenheit, tiefe, enge Vertrautheit.
Das ist mein Labyrinth. Ich fühle mich so, als hätte ich es durchquert, als hätte ich den Schatz auf der anderen Seite gefunden und vollständig aufgebraucht. Der Sinn des Lebens. Eine hübsche kleine Metapher. Sie kann mir keinerlei Trost mehr bieten. Und so begebe ich mich auf die Suche. Auf die Suche nach der Ersatzdroge, die noch ein paar Jahrzehnte wirkt. Die es vielleicht fertigbringt, mein Gedächtnis so weit auszulöschen, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, dass ich den Sinn und das Glück bereits hatte, es aber unwiederbringlich verloren gegangen ist. Das könnte funktionieren. Es ist objektiv immer noch erbärmlich, aber ich würde es nicht mehr bemerken.
Ihr mögt denken, dass ich übertreibe, dass es zu negativ gedacht ist. Mag sein. Aber einige von euch, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und tief in sich hineinschauen, bemerken vielleicht, dass etwas dran ist. Alle anderen können sich im Prinzip glücklich schätzen – ihr könnt nicht vermissen, was ihr nie gehabt habt.
Unwissenheit ist ein Segen. Ich weiß nur nicht, ob man sich die eigene Unwissenheit noch zurückholen kann, wenn man einmal gesehen hat, wie das Ende aussieht, das man sich gewünscht hätte.