Es ist jetzt schon so lange her, dass ich Schwierigkeiten habe, mich zu erinnern, wann ich hier angekommen bin. Ich erinnere mich an diesen Tag aber noch sehr genau. Ich war nur kurz auf See und war sehr froh, Land zu entdecken. Obwohl ich damals voller Euphorie war, in See zu stechen, war es umso beruhigender, relativ schnell wieder an Land zu sein. Danach nur noch Nebelschwaden statt Erinnerungen. Ich habe die Zeit an Land sehr genossen, sie war voller Ereignisse. Es fühlt sich an wie ein ganzes Leben, kann aber nicht länger als ein paar Jahre gedauert haben.
Jetzt sitze ich hier am Strand und beobachte das Meer. Die Schönheit der unendlichen Weite verbirgt die Gefahren, die auch auf hoher See lauern. Ich muss zugeben, dass ich in letzter Zeit oft hier sitze. Meine Erinnerungen sind so verblasst, ich weiß nicht, ob ich die See romantisiere oder ob es mich wirklich wieder aufs Meer zieht.
Ich war noch jung und unerfahren und war voller Angst. Möglicherweise war auch das ein Problem und ich habe die Dinge damals zu extrem bewertet. Ich merke, dass ich so nicht weiterkomme, meine Gedanken drehen sich im Kreis.
Das Meer ist ruhig. Es gibt keine Wolken. Keinen Sturm. Es ist wunderschön.
Ich denke, heute ist der Tag. Mein Boot ist seit Wochen bereit zum Ablegen, ich überprüfe es dennoch erneut. Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht und binde sie zu einem Zopf zusammen. Auf Deck schlage ich die Karte und den Kompass auf und gehe die Route erneut durch. Die Karte ist sehr veraltet. Ich weiß von Erzählungen anderer, dass sich Strömungen stark geändert haben, andere Inseln wurden entdeckt, die Navigation wird zum Teil ein Wagnis.
Ich nehme all meinen Mut zusammen und lichte den Anker und hisse die Segel. Ein leichter Windstoß verfängt sich darin und das Boot nimmt langsam, aber stetig Fahrt auf.
Nur wenige Stunden vergehen und ich entdecke im Fernglas einen größeren Felsen. Das plötzliche Eintreten der Erinnerung lähmt mich, ich fange an zu zittern, habe Angst. Gleichzeitig ist da aber auch ein anderes Gefühl: positive Aufregung, Neugier.
Ich weiß, dass ich sofort umdrehen sollte. Ich kenne diesen Felsen. Es ist sehr lange her, aber es ist mir eben eingefallen, dass dieser Felsen einer der Hauptgründe gewesen ist, damals schnellstmöglich Land aufzusuchen.
Mein Verstand sagt: Umdrehen! Meine Gefühle sind überströmt von starken Emotionen, voller Neugier drehe ich nicht um und halte direkt auf den Felsen zu. Ich versuche nicht einmal, den Felsen zu umfahren oder einen genaueren Blick darauf zu werfen. Vielleicht erinnere ich mich auch falsch? Vielleicht war die Gefahr von früher von meinem kindlichen Ich überbewertet? Zu spät. Ich befinde mich bereits in der mir nun wieder bekannten Strömung, die mich direkt auf den Fels treiben lässt.
Und da hörte ich es. Die Erinnerungen überfluten mich. Es ist genau wie damals, nein, intensiver. Die Erinnerungen waren scheinbar stark verblasst, denn die Intensität elektrisiert mich. Der Gesang, er ist wunderschön. Mein Verlangen und meine Emotionen übernehmen vollständig die Kontrolle. Mein Verstand schreit mich an umzukehren, alles zu versuchen zu entkommen. Er sagt mir, dass ich doch mittlerweile genau weiß, was passieren wird. So laut er auch schreit, er ist nichts weiter als ein Flüstern. Meine Nervenbahnen werden von Glücksgefühlen durchflutet, ich lächle und da erblicke ich Sie.
Eine Sirene. Anders als die, die ich vor Jahren erblickte, wunderschön. Ihre Haut ist weich und glatt, ihr Gesicht engelsgleich, ihr Gesang verzaubert mich, ich habe nur noch einen Willen. Ich ziehe meine Schuhe aus und gehe auf die Reling zu. Sie lädt mich mit Handbewegungen ein, zu springen und rüberzuschwimmen. Ich klettere auf den Rand des Schiffes und springe.
Ich lande nicht im Wasser. Ich bemerke Hände, die nach mir greifen und mich zurückziehen, sie halten mich ab, in mein vollständiges Glück einzutauchen. Ich kämpfe dagegen an. Es gibt nur ein Glück und es liegt direkt vor mir. Wer ist das? Lass mich los, schreie ich.
Die Person schafft es, mich zurück an Bord zu ziehen, ich schreie, ich trete und versuche, sie wegzustoßen. Panik überkommt mich, Tränen laufen meine Wangen herunter, ich muss zurück. Ich wehre mich mit aller Kraft, allerdings ohne Erfolg. Die Anstrengung und Aufregung lässt mich zusammenbrechen. Jetzt sehe ich die Person. Es ist eine Frau, die mir Wachs in die Ohren steckt, der Gesang verstummt, Angst und Dunkelheit überkommen mich und ich merke, wie ich das Bewusstsein verliere.
Als ich die Augen wieder öffne, liege ich im Bett in der Koje. Ich bin noch sehr erschöpft. Die Frau ist an meiner Seite, ich frage sie, wer sie ist und warum sie das getan hat.
„Mein Name ist Metis. Ruh dich aus, und dir wird es bald besser gehen.“
Ich möchte dagegen ankämpfen und mit ihr diskutieren, ich will, dass sie umkehrt. Aber ich bin zu erschöpft und merke, wie ich erneut das Bewusstsein verliere.
Es kommt mir vor, als ob ich Tage geschlafen habe, als ich wieder zu mir komme. Ich bin immer noch in der Koje, aber diesmal allein. Ich stehe auf und verlasse das Deck. Mein Schiff hat wieder an Land angelegt, aber auch hier auf Deck gibt es keine Spur von irgendeiner Person. Die See ist ruhig. Ich verlasse mein Schiff und die Anlegestelle und setze mich an den Strand. Erschöpft, wehmütig schaue ich in die Ferne. Eine einzelne Träne rinnt meine rechte Wange herunter.
Ich weiß, dass sie mich gerettet hat. Ich frage mich, was in mich gefahren war. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich freuen sollte über die Intensität der Emotionen, die mich ereilt haben, oder ob ich mich für die Leichtsinnigkeit hassen soll, die ich an den Tag gelegt habe.
Auf jeden Fall bin ich Metis viel schuldig. Ich blicke auf mein Schiff. Das nächste Mal bin ich vorsichtig.
Ich blicke auf das Meer, es ist immernoch wunderschön.
Ich verlasse den Strand und lächle.